15 May 2026
2026.05.15 - 12:19
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Außenministwer Araghchi beim BRICS-Außenministertreffen in Neu-Delhi:

Sicherheit keines Landes darf auf den Ruinen der Häuser eines anderen Volkes errichtet werden.

Rede von Seyed Abbas Araghchi Außenminister der Islamischen Republik Iran am zweiten Tag des Treffens der Außenminister der BRICS-Staaten unter dem Titel „Wiederaufbau der Weltordnung die Notwendigkeit der Reform der internationalen Governance und der Wiederbelebung des Multilateralismus“ (14.–15. Mai 2026) – Neu-Delhi Indien

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, verehrte Kolleginnen und Kollegen,

Die Welt befindet sich heute in einer Phase struktureller Instabilität und einer tiefen Vertrauenskrise. Die Strukturen der internationalen Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, sind nicht länger in der Lage, den Realitäten des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Die Kluft zwischen aufstrebenden Mächten und traditionellen Entscheidungsstrukturen bedroht nicht nur die globale Stabilität, sondern verstärkt auch die weitreichende Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Macht, Wohlstand und Entwicklungschancen.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Was wir heute in einigen internationalen Institutionen beobachten, ist kein „Multilateralismus“, sondern vielmehr der Versuch, „Unilateralismus“ unter dem Deckmantel internationalen Rechts aufrechtzuerhalten. Der instrumentelle Einsatz von Gesetzen, die Verhängung einseitiger Sanktionen und die Missachtung der Rechte und der nationalen Souveränität von Staaten sind Zeichen einer tiefen Krise globaler Regierungsführung. Ein System, das lebenswichtige Entscheidungen für die Menschheit einer kleinen Gruppe von Staaten überlässt und die Interessen der Entwicklungsländer ignoriert, hat seine Legitimität verloren. Dieser auf bloßer Macht beruhende Ansatz garantiert nicht den Frieden, sondern ist vielmehr die Hauptursache regionaler und globaler Spannungen.

In diesem Zusammenhang kann man eines der wichtigsten Instrumente globaler Destabilisierung nicht unerwähnt lassen: einseitige Sanktionen. Sanktionen haben sich heute von diplomatischen Instrumenten zu Waffen wirtschaftlicher Kriegsführung und Druckausübung gegen unabhängige und sich entwickelnde Gesellschaften entwickelt. Diese Maßnahmen, die in offenkundiger Verletzung des internationalen Rechts erfolgen, richten sich nicht nur gegen Regierungen, sondern auch gegen grundlegende Menschenrechte – darunter das Recht auf Leben, Gesundheit, Nahrung und Entwicklung. Die gegen Völker verhängten Sanktionen sind illegale Maßnahmen, die die globale Wirtschaftsordnung untergraben und deren Ziel weit über die Lösung von Konflikten oder die Änderung politischen Verhaltens hinausgeht.

Die Islamische Republik Iran betont, dass der Kampf gegen diesen „Wirtschaftsterrorismus“ und die Schaffung unabhängiger Finanzmechanismen im Rahmen der BRICS eine unabdingbare Notwendigkeit zur Wahrung der Unabhängigkeit und nationalen Souveränität der Staaten darstellt.

Meine Damen und Herren,

Die Welt erlebt heute eine Rückkehr zu endlosen Kriegen, offener Gewalt und extremem Unilateralismus. Die Ideale von Frieden, Freiheit sowie der Achtung der Rechte und Würde des Menschen sind verblasst und wurden durch den Stolz auf Völkermord, Plünderung und Aggression ersetzt. Die Berufung mächtiger Aggressoren auf internationales Recht, humanitäres Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen ist zu einer bloßen Floskel und Lüge geworden, um Krieg und Besatzung zu rechtfertigen. Die meisten internationalen Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, haben ihre normative Autorität durch einseitige Machtausübung entwertet.

Unter solchen Bedingungen ist das Ideal eines Multilateralismus des globalen Südens – auf dem BRICS gegründet wurde und das in dieser Gruppierung verkörpert ist – notwendiger und lebenswichtiger denn je, um internationales Recht, die Charta der Vereinten Nationen und globale Governance zu respektieren. Die BRICS-Mitglieder fühlen sich der Umsetzung und Verteidigung der Prinzipien dieser Charta verpflichtet.

Das Prinzip des Gewaltverbots als zentrale und glänzende Errungenschaft der UN-Charta und der menschlichen Erfahrungen aus den bitteren Weltkriegen wird heute ernsthaft von den Vereinigten Staaten infrage gestellt. Die illegalen und einseitigen Kriege dieses Landes haben die Grundlagen der internationalen Ordnung, die ohnehin bereits an den Rand des Zusammenbruchs gebracht worden war, nun zusätzlich mit Barbarei und Brutalität vermischt.

Daher betont die Islamische Republik Iran die Notwendigkeit grundlegender Reformen internationaler Organisationen, insbesondere des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Die von uns angestrebten Reformen dienen der „gerechten Verteilung von Macht“ und nicht lediglich einer Änderung von Namen oder Mitgliederzusammensetzungen. Wir streben eine Ordnung an, in der:

  • Gerechtigkeit die Macht ersetzt,
  • nationale Souveränität oberstes Prinzip ist,
  • die Rechte aller Menschen geachtet werden,
  • und kulturelle sowie politische Vielfalt anerkannt wird.

Sehr geehrte Delegationen,

Das gegenwärtige politische System bedarf einer grundlegenden Überprüfung. Der Sicherheitsrat ist heute das deutlichste Symbol von Ineffizienz und Ungleichgewicht. Ein offensichtliches Beispiel für das Versagen dieses Rates ist sein Schweigen gegenüber dem aufgezwungenen und aggressiven Krieg der Vereinigten Staaten und des zionistischen Regimes gegen die Islamische Republik Iran. In diesem Krieg wurden Frauen und Kinder systematisch und gezielt angegriffen. Diese Handlungen stellen eine eklatante Verletzung der vier Genfer Konventionen dar und sind ein offensichtliches Beispiel für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Das katastrophalste Beispiel war der zweistufige Angriff auf die „Schahid-Motahhari“-Mädchenschule in der Stadt Minab, bei dem 168 unschuldige Menschen – darunter Schülerinnen und Schüler – während des Unterrichts und an ihrem Lernort getötet wurden.

Der militärische Angriff der Aggressoren, der exakt um 9:30 Uhr am Samstag, den 28. Februar begann, ließ nicht einmal genug Zeit, die Schulen zu schließen und die Schülerinnen und Schüler nach Hause zurückkehren zu lassen. Die iranische Regierung ordnete unmittelbar nach dem terroristischen Anschlag auf den Obersten Führer und dem Beginn der militärischen Aggression die landesweite Schließung der Schulen an. Doch die Angreifer gewährten den Kindern nicht einmal eine halbe Stunde Überlebenszeit und griffen in einer zweiten Attacke die Schule in Minab an.

Die Angriffe auf lebenswichtige iranische Infrastruktur – darunter Raffinerien, petrochemische Anlagen, Brücken, Eisenbahnen, Stadien, kulturelle und historische Zentren, Energieübertragungsleitungen und bedeutende Industrieanlagen – setzen diese Entwicklung fort. Diese Infrastrukturen sind nicht bloß technische oder wirtschaftliche Einrichtungen; sie bilden das Rückgrat des täglichen Lebens der Menschen.

Wenn wir heute angesichts des Leids des iranischen Volkes, angesichts des ungerecht vergossenen Blutes der Bürgerinnen und Bürger, angesichts der Angst der Kinder in den Schulen von Minab und angesichts der Angriffe auf die Infrastruktur schweigen oder dies aus politischen Erwägungen ignorieren, kann sich dieser Kreislauf von Gewalt und Instabilität morgen auf jeden anderen Ort der Welt ausweiten. Die Verteidigung Irans ist die Verteidigung eines universellen Prinzips: dass die Sicherheit keines Landes auf den Ruinen der Häuser, Schulen und lebenswichtigen Infrastrukturen eines anderen Volkes errichtet werden darf.

Wir fordern alle Staaten und internationalen Organisationen auf, sich mit klarer und verantwortungsvoller Stimme gegen Angriffe auf Zivilisten und lebenswichtige Infrastruktur im Iran zu stellen und die Herrschaft des Rechts, der Gerechtigkeit und der Menschenwürde zu verteidigen. Die internationale Gemeinschaft muss doppelte Standards aufgeben und zeigen, dass das Leben eines Kindes in Minab ebenso wertvoll ist wie das eines Kindes an jedem anderen Ort der Welt.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Vor diesem Hintergrund ist die Reform des Sicherheitsrates keine Option, sondern eine Notwendigkeit für das Überleben der Vereinten Nationen. Wir streben einen Rat an, der eine echte Vertretung aller Kontinente und Regionen der Welt gewährleistet, einen Rat, in dem Macht mit Verantwortung und Gerechtigkeit verbunden ist und nicht allein den Interessen einiger missbräuchlicher und aggressiver Mächte dient.

Die BRICS-Gruppe besitzt als Repräsentantin eines großen Teils der Weltbevölkerung und Weltwirtschaft ein enormes Potenzial, zur tragenden Säule eines echten Multilateralismus zu werden. Wir sollten innerhalb der BRICS nicht zur Bildung eines konfrontativen Blocks, sondern zur Schaffung eines strategischen Gleichgewichts zusammenarbeiten. Unsere Kooperation in den Bereichen Wirtschaft, Finanzen und Technologie kann die Abhängigkeit von monopolistischen Strukturen verringern und neue Räume für Unabhängigkeit und nachhaltige Entwicklung eröffnen. BRICS kann ein Modell der Zusammenarbeit auf Grundlage gegenseitigen Respekts und gemeinsamen Nutzens sein.

Die Zeit ist gekommen, sich von der „Krisenverwaltung“ zur „Strukturverwaltung“ zu bewegen. Wir benötigen eine Ordnung, in der Frieden das Ergebnis von Gerechtigkeit und Stabilität das Ergebnis gemeinsamer Teilhabe ist. Lassen Sie uns die Kapazitäten der BRICS nutzen, um die globale Governance neu aufzubauen und dem Multilateralismus seine Glaubwürdigkeit zurückzugeben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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